Agon Newsletter 03 / 2014.

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Ganzheitliches Architekturmanagement mit TOGAF

TOGAF (The Open Group Architecture Framework) ist zurzeit das am weitesten verbreitete Framework zur Implementierung eines Enterprise Architecture Managements (EAM) innerhalb eines Unternehmens.

Es wird von der Open Group entwickelt. Das gegenwärtige Release 9.1. ist unter www.togaf.org herunterzuladen und darf unentgeltlich innerhalb eines Unternehmens genutzt werden.

Für die Qualifizierung der beteiligten Mitarbeiter gibt es entsprechende Zertifikate: Enterprise Architekten können ihre Framework-Kenntnisse im Level „Foundation" (Kenntnis der Grundstrukturen und Definitionen) und „Certified" (erweiterte Konzepte) zertifizieren lassen.

Auf den ersten Blick wirkt TOGAF umfangreich und formal. Seine Beschreibung umfasst 52 Kapitel auf fast 700 Seiten. Bei eingehender Betrachtung erkennt man die Struktur von TOGAF jedoch schnell. Sein zentraler Bestandteil ist das Vorgehensmodell ADM (Architecture Development Method) zur Architekturentwicklung. Es bietet Architekten und Anforderungsmanagern von Projekten die Möglichkeit, ihre nichtfunktionalen und querschnittlichen Anforderungen durch einen 360°-Blick auf alle architekturrelevanten Bereiche eines Unternehmens zu spezifizieren. Zusätzlich wird die Einhaltung einer IT-Governance gewährleistet und die Konformität der Projektziele mit einer mittelfristigen Unternehmensstrategie sichergestellt.

Des Weiteren helfen zahlreiche konkrete Methoden, Vorlagen, Sichten und Beispiele aus der umfassenden Dokumentation bei einer adäquaten Architekturentwicklung mit angemessenen Ergebnissen und der Vermeidung des Elfenbeinturms. TOGAF stellt ein Muster zum Aufbau eines Rahmens für Architekturentwicklung zur Verfügung und bringt ein konkretes Vorgehen für dessen Aufbau mit. Es schafft eine Struktur von Verantwortlichkeiten, Kompetenzen und Rollen.

Die Phasen der ADM

Die ADM enthält als Methode zur Architekturentwicklung formal 9 Phasen sowie die (allgegenwärtige) Phase des Anforderungsmanagements. Die erste Phase (Preliminary) stellt die Implementierung und Vorbereitung der Methodik im Unternehmen dar. Die folgenden 8 Phasen dienen der Lösungsfindung und Ermittlung von zuvor nicht spezifizierten Anforderungen. Die Phasen werden iterativ nacheinander durchlaufen, um mögliche Lösungen aus verschiedenen Perspektiven zu untersuchen und Anforderungen an die jeweiligen Projekte oder die Architekturdomänen zu ermitteln. Die Ergebnisse dieser Phasen werden durch Lieferobjekte, Artefakte und Bausteine spezifiziert. Diese Ergebnistypen werden in TOGAF definiert und durch genaue Beschreibungen und Checklisten veranschaulicht.

Abb. 1: 9 Phasen der ADM

  • Zunächst wird eine Phase A mit ganzheitlichem Blick auf die Architekturvision durchlaufen, um den Scope eines Projektes zu definieren und beteiligte Stakeholder zu identifizieren.
  • Dann werden mögliche Lösungen nacheinander aus dem Blick der drei definierten Architekturdomänen betrachtet:
    • Geschäftsarchitektur (Phase B)
    • Informationssystemarchitektur (C)  - bestehend aus
      • Applikationsarchitektur
      • Datenarchitektur
    • Technologiearchitektur(D) – Beschreibung der technischen Basis und Infrastruktur

Jede dieser Domänen wird auf mögliche Lücken bezüglich einer möglichen Zielarchitektur überprüft und ggfs. müssen Anforderungen  an diese (z.B. für einen Change Request) spezifiziert oder Anforderungen an ein Projekt detailliert oder ergänzt werden.

  • Es folgen zwei Phasen zur Evaluierung und Planung von Lösungen:
    • In Phase E (Opportunities & Solutions) werden die bisher ermittelten Lösungen evaluiert und ggfs. eine Roadmap für deren Implementierung erstellt.
    • Phase F (Migration) dient der Erstellung einer groben Migrationsplanung.
  • Die abschließenden Phasen dienen der Eingliederung in die bestehende Architekturlandschaft:
    • Phase G (Implementation Governance) betrachtet Prozesse und Vorgaben zur Umsetzung der gefundenen Lösungen und notwendigen Anpassungen. Sie dient, neben der Findung weiterer Anforderungen, der Planung von Projektaktivitäten.
    • In Phase H (Architecture Change Management) wird die Umsetzung des bisher erarbeiteten Architekturentwurfs überprüft und ggfs. die nächste Iteration der ADM initiiert.

Jede einzelne Phase der ADM sowie die hierfür bereitgestellten Methoden werden in TOGAF detailliert beschrieben. Daher ist die Dokumentation von TOGAF sehr umfangreich.

Maßschneidern eines EAM

Um bestmögliche Synergien zu erzielen, sollten bei der Implementierung eines TOGAF-basierten EAM die genutzten Methoden auf jeden Fall „maßgeschneidert" oder vorhandene angepasst und integriert werden. Die Methoden des TOGAF-Toolkits können nach Bedarf erweitert oder vereinfacht werden. Auch bietet sich je nach Ausrichtung des Unternehmens ein Zusammenlegen von Phasen oder Verantwortlichkeiten innerhalb der ADM an.

Beispielsweise muss ein Unternehmen, das ausschließlich etablierte Standardsoftware auf wenigen Plattformen nutzt, für die Phasen C und D nach der Einführung der Standardsoftware vielleicht nur geringe Ressourcen einplanen. Ein Unternehmen mit einem hohen Anteil an Eigenentwicklungen in einer heterogenen Systemlandschaft benötigt mehr Ressourcen und andere Skills. Die Aufgabenbereiche innerhalb der ADM-Phasen sind daher sicherlich unterschiedlich gewichtet. Das eine Unternehmen hat aufgrund seiner komplexen Organisationsstruktur  - zumindest temporär - möglicherweise höhere Aufwände für die Phasen E und F zu erwarten, während in einem anderen Unternehmen oder nach einer Umorganisation diese Phasen zusammengelegt werden können. Die Methodik der ADM wird jedoch in ihrer Struktur nicht verändert. Das Maßschneidern bezieht sich auf die Schaffung und Implementierung von Schnittstellen zur Unterstützung ihrer einzelnen Phasen, um die ADM im Unternehmen zu etablieren.

Unter den ca. 50 verschiedenen Frameworks rund um das EAM scheint z.Zt. TOGAF aufgrund seiner allgemeinen Verwendbarkeit und Modifizierbarkeit die Nase vorne zu haben und sich zum Standard zu entwickeln. Dies wird auch dadurch deutlich, dass laut der Open Group bereits im ersten Jahr nach der Veröffentlichung von TOGAF 9.1 die Anzahl der Zertifizierungen gegenüber TOGAF 8 von knapp 4000  um ca. 20 000 auf ein Vielfaches zunahm.

Agon Solution stellt bei vielen Kunden zunehmendes Interesse an einem strukturierten Aufbau eines Architekturmanagements fest. Dabei ist TOGAF mit seiner operationellen Darstellungsweise wohl eine komplexe, dafür aber auch umfassende Alternative. Richtig implementiert wird aus dem scheinbar schwergewichtigen Papiertiger eine Möglichkeit, die Komplexität einer Architekturplanung und deren Anforderungen zu beherrschen und im Unternehmen zu verankern.